Dem Winter die rote Karte gezeigt (?)

 Engelbacher Burschenschaft „Waldeslust“ trieb gestern den Strohbären durchs Dorf

eingestellt am 10.02.2016

Text und Foto von Richard Kempe

Winter austreiben ist seit Urzeiten in vielen ländlichen Frühjahrsbräuchen ein Anliegen von jung und alt, um nach den kalten Monaten mit Eis und Schnee der allmählich zu sprießenden Natur zum Durchbruch zu verhelfen. Der Umgang des Strohbären im Hinterland, der traditionsgemäß in Engelbach immer am Fastnachtsdienstag stattfindet, ist ein solcher Brauch, der noch heute von der Burschenschaft „Waldeslust“ gepflegt wird.

Burschen und Mädchen trafen sich gestern am späten Vormittag, um zunächst das Ungetüm zu wickeln und ihm seine Furcht erregende Gestalt zu verleihen, ehe alle gemeinsam ins Dorf zogen und dort ihr „Unwesen“ trieben. Angesichts kühler Temperaturen, zeitweiligen Windes und andauernden Regens war die Freude am Tun bei manchen allerdings eher begrenzt. Entmutigen ließen sich die Unentwegten allerdings durch all diese Unbilden keineswegs. Lediglich zeitlich wurde der Gang durch das Dorf etwas „abgespeckt“.

Beim Gang der jungen Leute von Haus zu Haus, bei dem milde Gaben in Form von Eiern, Speck, Wurst oder auch einem Obolus in bar erheischt und gewährt wurden, blieb auch traditionsgemäß der Autoverkehr durch das Dorf nicht verschont. Nur wer als Maut eine kleine Spende abdrückte, durfte ungehindert weiterfahren.

Mit dem Eingesammelten legten die Mädchen und Burschen den Grundstock für ihre feucht-fröhliche Fete am Nachmittag im Jugendraum, wo es bei deftiger Kost und kalten Schoppen hoch herging bis in den späten Abend. Bleibt abzuwarten, ob es denn gelungen ist, dem Winter bei seinem Rückzug ein wenig nachzuhelfen. Große Mühe gegeben haben sich die Mädchen und Burschen auf jeden Fall.

Der Strohbär als Figur ländlichen Brauchtums ist in Mitteleuropa in den verschiedensten Variationen aufgetreten, auch zu unterschiedlichen Terminen und mit abweichenden Zielstrebungen. Überwiegend gehalten haben sich die Auftritte von Strohbären zur Fastnachtszeit und mit der Intention des Winteraustreibens, wenngleich Wissenschaftler diesen Zweck des Tuns nicht uneingeschränkt bejahen. Im hessischen Hinterland gab es das Brauchtum des Strohbären auch in Hartenrod, wo es seit einigen Jahren von der Feuerwehr zum dortigen Fastnachtsmarkt wiederbelebt wurde. Als weitere Orte, an denen dieses alte Brauchtum noch immer gepflegt wird, findet man unter anderem Münster bei Laubach, Ulfa und Ruppertsberg in Hessen, darüber hinaus in der Thüringischen Rhön und in Orlamünde (Thüringen). Weiterer Schwerpunkt für die Verbreitung des Rituals ist der südwestdeutsche Raum, allerdings nicht selten mit Auftritten an anderen Festtagen des Kirchenjahres.

 

Die Mädchen und Burschen der „Waldeslust“ beim Wickeln des Strohbären, ehe alle zusammen zum Gang durch das Dorf aufbrachen